Archiv für die Kategorie ‘Aussteigergeschichten’

Quelle: Günther Gumhold/ pixelio

Quelle: Günther Gumhold/ pixelio

Ein Unschuldsengel ist Peter Ruppert nicht gerade. Die Liste seiner Drogenerfahrungen reicht von Gras, Koks und LSD bis zu hin zu Crack. Alkohol und Amphetamine regierten lange Zeit den Alltag des 51-Jährigen. Erst als er bereits klinisch tot ist, Ärzte ihn aber wiederbeleben, nimmt sein Leben eine entscheidene Wendung. Der Beginn eines langen Weges raus aus der Abhängigkeit.

Zwei Flaschen Ouzo täglich. Schluck für Schluck die Birne wegknallen. So lange, bis der eigene Körper nicht mehr zu spüren ist. Bis die Sorgen und Probleme vergessen sind. 30 Jahre lang hat Peter Ruppert nach diesem Prinzip gelebt. Er begann seinen Tag mit Drogen und Alkohol und beendete ihn damit. Crack und Whiskey waren seine ständigen Wegbegleiter. (mehr …)

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Dirk Rohrbach ist, was man einen Abenteurer nennt. Mit dem Fahrrad radelte er einmal um die USA, dann entschied sich der gelernte Mediziner und Journalist dazu, sein bisheriges Leben an den Nagel zu hängen. Er löste seinen Hausstand auf, kündigte seinen Job und erfüllte sich einen Lebenstraum: mit einem selbst gebauten Kanu den Yukon zu befahren. In dem Interview berichtet der 43-Jährige von den Begegnungen mit den Ureinwohnern, einem Fast-Total-Schaden am Boot und davon, wie er sich in dem weiten Norden Amerikas ein Stück weit selbst neu kennenlernte.   (mehr …)

Dass sie anders als die anderen ist, wusste sie schon immer. Anfangs waren es nur die Selbstzweifel und die irritierenden Gedanken, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Doch mit der Zeit wurde es immer deutlicher: Obwohl Steffi (Name geändert) mit einem Penis auf die Welt kam, ist sie eine Frau. Ein langer Weg auf der Suche nach der eigenen Identität – und der Erkenntnis, dass Geschlecht mehr ist als nur ein äußerliches Merkmal.

Transsexuelle Menschen definieren Geschlechtsidentität nicht zwangsläufig nur nach äußerlichen Merkmalen

Steffi, Sie sind eine Frau – aber als Mann auf die Welt gekommen?

Nein, ich war noch nie ein Mann.

Aber Sie wurden mit einem männlichen Geschlecht geboren?

Ich hatte einen Penis und leider auch funktionierende Hoden. Transsexuelle Frauen sind Frauen, deren Körper zu viel Testosteron produziert und das bereits in der 7. Schwangerschaftswoche. Dadurch werden fälschlicherweise Hoden statt Eierstöcke gebildet, die dann noch mehr Testosteron ausschütten und den Körper „vermännlichen“ lassen. Aber für mich sind das nur unbedeutende äußerliche Merkmale, die nicht direkt auf das Geschlecht schließen. Man kann sein ganzes Ich auf seinen Penis reduzieren, aber für mich gehört viel mehr dazu. Die Deutschen scheinen zu vergessen, dass Menschen nicht nur aus Genitalien bestehen, sondern auch ein Gehirn haben. (mehr …)

Brigitte Obrist hatte Glück. Als sie sich für den Ausstieg aus der Prostitution entschied, hatte sie eine berufliche Perspektive. Doch gegen Vorurteile, eine Identitätskrise und Anfeindungen aufgrund ihrer Vergangenheit konnte auch Sie nichts tun.

Frau Obrist, lange Zeit haben Sie Ihren Beruf aus Angst vor Stigmatisierung verheimlicht. Dann haben Sie doch den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Wie kam es dazu? 

Brigitte Obrist heute

Brigitte Obrist heute

In den 90er Jahren kam das Thema Aids in den Medien auf. Die Schweizer Zeitung Beobachter wollte eine Prostituierte portraitieren und hat bei Xenia, einer Beratungsstelle für Prostituierte in Bern angefragt, bei der ich im Vorstand war. Ich war zu dem Zeitpunkt in einer Phase, in der ich mir die öffentliche Diskriminierung unseres Berufsstandes nicht länger gefallen lassen wollte. Also habe ich mich dazu bereit erklärt, das Interview mit dem Beobachter zu machen. Als sie sagten, sie würden den Namen  abändern und das Gesicht auf dem Foto nicht zeigen, wurde mir klar, dass ich nicht gegen Stigmatisierung kämpfen kann, wenn ich diese gleichzeitig unterstütze. Also habe ich gesagt, mit Namen und Gesicht – wenn schon, dann richtig. (mehr …)

Sie hat eine Lebensgeschichte hinter sich, die Bücher füllen würde: Mobbing, eine Vergewaltigung, ein Selbstmordversuch, der Abstieg in die Prostitution. Neun Jahre lang hat die Schweizerin Brigitte Obrist ihren Körper verkauft und sich den Phantasien zahlreicher Männer hingegeben. Ihr Männerbild habe dadurch etwas von seinem „Heroischen“ verloren, sagt sie. Denn die Freier hätten vor ihr nicht nur die Hose heruntergelassen, sondern auch ihre Seele entblößt.

Zehn Freier am Tag. 80 Euro für eine Viertelstunde. Rein. Raus. Duschen. Zwei, drei Worte wechseln, dann kommt der Nächste. Das Ganze beginnt von vorne. Szenen, an die sich Brigitte Obrist nur allzu gut erinnert. Die heute 48-Jährige hat von 1984 bis 1993 in einem Schweizer Studio als Prostituierte gearbeitet. Dennoch bereut sie diese Zeit nicht, weil sie – wie sie sagt – selbstständig arbeiten konnte, finanziell unabhängig war und auf diesem Arbeitsmarkt keine männliche Konkurrenz hatte.

Brigitte Obrist als junge Frau

Brigitte Obrist als junge Frau

Geboren wurde Brigitte Obrist in einem kleinen Schweizer Dorf in der Nähe der deutschen Grenze. Eine sehr katholische, konservative Gegend. Als eines von drei Kindern wächst sie auf dem Bauernhof ihrer Eltern auf. In der Schule wird sie deshalb gemobbt. „Die anderen Kindern haben mich gehänselt und beschimpft, weil ich angeblich nach Stall riechen würde“, berichtet sie. „Jeden Tag auf dem Weg zur Schule musste ich mir das anhören. Als junges Mädchen hat mich das sehr getroffen.“

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Globale Verantwortung und gewaltfreies Zusammenleben sind Dinge, für die sich Öff Öff einsetzt

Globale Verantwortung und gewaltfreies Zusammenleben sind Dinge, für die sich Öff Öff einsetzt

Die meisten kennen ihn nur als „Waldmensch Öff Öff“, „Gandhi von Mecklenburg“ oder einfach „der Verrückte“. Hinter diesen Pseudonymen verbirgt sich der 48-jährige Jürgen Wagner. Mit 27 Jahren hat er seinen Personalausweis an den Bundespräsidenten geschickt, seinen Austritt aus dem Staat erklärt und ist seitdem auf Mission. In dem Interview berichtet Öff Öff von seinem „Geistesblitz“ mit 13 Jahren, beschreibt sein Leben als Wanderprediger und Selbstversorger und verrät, wie man in dieser Welt ganz einfach ohne Geld und Krankenversicherung auskommt. Ein kontroverses Gespräch.

Bevor wir mit dem Interview beginnen – wie darf ich dich nennen?

Seit meinem 27. Lebensjahr heiße ich Öff Öff. Jürgen Wagner ist nur mein Zweitname.

Ok,  Öff Öff. Aber erkläre mir bitte, was es mit diesem Namen auf sich hat.

Vielfach schenken Menschen Dingen Bedeutung, die fremd bestimmt sind – wie zum Beispiel einem Namen. Der wird uns aufgestempelt, bevor wir überhaupt denken können. Ich habe mich von diesen Regeln befreit. Der Name Öff Öff verdeutlicht das, es  sind eigentlich nur zwei Laute ohne Bedeutung. (mehr …)

Zwanzig Jahre lang war Thomas Schmidt (Name geändert) Gemeindemitglied der Zeugen Jehovas. Dann stieg der heute 45-Jährige mit seiner Familie aus. Ein Gespräch über Enttäuschung, Schuldgefühle und neue Hoffnung.

Die letzten vier Jahre bei den Zeugen Jehovas waren Sie „Ältester“. In dieser Funktion mussten Sie selbst „Abtrünnige“, also Menschen, die an der Sekte Kritik üben, ausschließen. Hat dieses Amt etwas mit ihrem Ausstieg zu tun?

Definitiv. So etwas wie der Gemeinschaftsentzug waren schon Mechanismen, die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben. Aber im Prinzip gab es nicht nur den einen Grund. Wenn man als Ältester merkt, dass vieles intern ganz anders ist als in der Außendarstellung, dann muss man irgendwann die Entscheidung treffen und sich fragen, ob man noch in den Spiegel schauen kann oder nicht.

Der Wachturm - die Zeitschrift der Zeugen Jehovas

Der Wachturm – die Zeitschrift der Zeugen Jehovas

Gab es Menschen, bei den Ihnen der Ausschluss besonders schwer fiel?

Da war mal ein junges Mädchen, das Drogenprobleme hatte und auch ganz klar gesagt hat, dass es so weitermachen will. Formal hat man da keine Chance, man muss das Mädchen ausschließen. Sonst hätte es ja noch andere beeinflussen können. Das Problem war aber, dass die junge Frau gar nicht mehr klar ansprechbar war. Ich musste also jemanden ausschließen, der selbst auf Hilfe angewiesen war. Deswegen habe ich mit der Mutter gesprochen und ihr gesagt, dass sie mit ihrer Tochter zur Drogenberatung gehen soll. Streng formal hätte sie das ja gar nicht gedurft.

Warum?

Weil die Mutter noch Mitglied bei den Zeugen ist und der Kontakt zu ehemaligen Sektenmitgliedern – also in dem Fall ihrer Tochter – strengstens verboten ist. Und das hätte sie auch so akzeptiert. Das muss man sich mal vorstellen – hätte ich ihr nicht erlaubt, ihrem Kind zu helfen, hätte sie ihre Tochter wohl fallen lassen.

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Missionieren, Bibelstunden, drei Mal die Woche Versammlung – das war für Thomas Schmidt (Name geändert) viele Jahre lang Alltag. Die Zeugen Jehovas hatten ihn im Griff. Ein Bericht aus dem Inneren der Sekte – über Zukunftsängste, Harmagedon und die Feindschaft mit der Welt.

Thomas Schmidt (Name geändert) möchte anonym bleiben und das Leben in der Sekte hinter sich lassen

Thomas Schmidt (Name geändert) möchte anonym bleiben und das Leben in der Sekte hinter sich lassen

Sie leben abgeschottet, ersehnen das Paradies nach dem Weltuntergang herbei und stehen oft ungefragt vor der Haustür. In den 80er Jahren konnten nur wenige Menschen etwas mit den Zeugen Jehovas anfangen. Auch Thomas Schmidt nicht. Er kannte die Organisation lediglich aus den Erzählungen seiner Eltern. „Da haben sie ab und zu mal geklingelt.“ Von der Lehre der Sekte und ihrer Weltanschauung wusste er nichts.

Mit Anfang 20 zog Schmidt aus einem kleinen Dorf nach Hamburg, um seine technische Ausbildung zu machen. Er war allein, hatte so gut wie keine Freunde. Zur Zeit des Kalten Krieges waren seine Gedanken geprägt von Zukunftsängsten. „Ich habe nach etwas gesucht, was mir die Welt erklärt und all meine Zweifel begräbt“, erzählt er. „Und das haben die Zeugen Jehovas anfangs getan.“

Missionierung an der Haustür

Schmidt wurde ganz klassisch an der Haustür missioniert. Anfangs besuchte er Freizeitaktivitäten, traf sich mit anderen Jugendlichen der Sekte zum Fußballspielen. (mehr …)

Sigfried G. hat seine florierende GmbH in Deutschland geopfert, sein Haus, was er über viele Jahre aufwändig renoviert hatte, verkauft und ist in ein Land gezogen, in dem der Lebenstraum nicht weniger Menschen ist, in Westeuropa zu arbeiten und zu leben. In dem Gespräch schildert der 50-Jährige seine Beweggründe für den Umzug in die Ukraine, nennt Vor- und Nachteile für ein Leben in der ehemaligen Sowjetunion und beschreibt, wie es sich anfühlt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Luxus in Deutschland...

Gülich’s Bad in Deutschland – Luxus pur…

Im Jahr 2004 haben Sie sich dazu entschieden, Ihr Heimatland Deutschland zu verlassen und gemeinsam mit Ihrer Frau in die Ukraine auszuwandern. Wie sah Ihr Leben in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt aus?

Ich hatte eine eigene kleine GmbH mit sieben Mitarbeitern. Wir haben Software für Steuerungsunterlagen entworfen, die im industriellen Produktionsumfeld eingesetzt werden. Die Leidenschaft für das Programmieren hatte ich schon als Jugendlicher. Mit 17 habe ich meine Nächte nicht in der Disko, sondern vor dem Computer verbracht. Und finanziell hat sich das Ganze auch ausgezahlt. Ich hatte ein Haus und eine Wohnung. Materiell gesehen fehlte es mir an nichts – mein Bad war 38 qm groß, mit Jaccuzzi ausgestattet und allem, was man sich so wünscht. (mehr …)

Quelle: Janusz Klosowski  / pixelio.de

Quelle: Janusz Klosowski / pixelio.de

Aussteigen. Daran hat wohl jeder schon einmal gedacht. Viele Menschen träumen davon, ihre Zelte abzubrechen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Medial arrangierte Ausstiegsszenarien durch TV-Dokus wie „Goodbye Deutschland“ oder „Umzug in ein neues Leben“ zeigen, dass das Phänomen „Aussteiger“ den Nerv der kritischen Masse getroffen hat.

Doch ein Ausstieg lässt sich nicht allein auf dem Umzug in ein anderes Land reduzieren. Ausstiege gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen und Lebenslagen. Menschen, die sich für unkonventionelle Lebensformen entschieden haben, die aus einer Organisation oder Religionsgemeinschaft austreten, die ihren Job kündigen oder die sich für ein neues und gegen ihr altes Leben entschieden haben – allesamt sind es Aussteiger, Menschen, die den Schritt in ein neues Leben gewagt haben.

Doch wer sind diese mutigen Männer und Frauen, die sich für einen Neuanfang und gegen die Gewohnheit entschieden haben? Wer sind die Menschen, die nicht warten, bis sich ihr Leben von alleine bessert, sondern aktiv dafür kämpfen – ohne zu wissen, ob das Leben nach dem Ausstieg wirklich schöner ist?

Es sind die Menschen, die ich zukünftig auf diesem Blog vorstellen möchte. Ich möchte mit ihnen darüber sprechen, welche Ängste und Probleme sie haben, welche  Rückschläge sie hinnehmen mussten und wie sich ihr Leben nach dem Ausstieg verändert hat.

Aussteigen kann jeder – irgendwie, irgendwo und irgendwann. Auf diesem Blog sollen Menschen vorgestellt werden, die schon einen Ausstieg in ihrem Leben hinter sich haben oder ihn gerade planen. Entscheidend ist, dass der Schritt für sie lebensweisend ist.

Ich freue mich auf interessante Interviewpartner und spannende Geschichten.