Mit dem selbstgebauten Kanu 3000 km durch Kanada und Alaska

Veröffentlicht: September 19, 2012 in Aussteigergeschichten
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Dirk Rohrbach ist, was man einen Abenteurer nennt. Mit dem Fahrrad radelte er einmal um die USA, dann entschied sich der gelernte Mediziner und Journalist dazu, sein bisheriges Leben an den Nagel zu hängen. Er löste seinen Hausstand auf, kündigte seinen Job und erfüllte sich einen Lebenstraum: mit einem selbst gebauten Kanu den Yukon zu befahren. In dem Interview berichtet der 43-Jährige von den Begegnungen mit den Ureinwohnern, einem Fast-Total-Schaden am Boot und davon, wie er sich in dem weiten Norden Amerikas ein Stück weit selbst neu kennenlernte.  

Herr Rohrbach, würden Sie sich als Aussteiger bezeichnen?

Ich sehe mich eher als Reisender, und vielleicht als eine Art Aussteiger auf Zeit. Neben meiner Arbeit als Journalist und Arzt habe ich viele Reisen gemacht, wie z.B. die Fahrradtour durch die USA. Bei der Yukon-Reise war klar, dass ich nicht nur drei Wochen weg sein würde. Ich wollte insgesamt sieben Monate aussteigen, da spielt ja kein Arbeitgeber mit. Deswegen war die Situation dort von vorneherein anders.

Sie haben sich dann dazu entschieden, ihren Job zu kündigen und aus ihrem bisherigen Leben auszusteigen.  

Ja, ich habe diesen Schritt gewagt, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, wie mein Leben nach der Reise weitergehen sollte. Jetzt habe ich weder hier noch in Nordamerika einen festen Wohnsitz. In Deutschland lebe ich abwechselnd bei Freunden oder bei meinen Eltern. Aber diese Art zu leben, sehe ich nicht als Dauerlösung. In mir drin habe ich schon eine tiefe Sehnsucht, irgendwann mein Nest zu haben, wo ich zur Ruhe kommen kann. Ein richtiger Aussteiger bin ich also vielleicht doch nicht. Aber erst einmal genieße ich dieses Nomadenleben. Der Zeitpunkt, an dem ich sesshaft werde, wird schon irgendwann kommen.

Zuletzt sind Sie drei Monate ganz alleine in einem selbstgebauten Kanu auf dem Yukon gepaddelt. Kaum ein Fluss steht mehr für Wildnis und Abenteuer. Wie kommt man auf so eine Idee?

Den Wunsch, diese Reise zu machen, hatte ich schon sehr lange. Anfang der 90er Jahre war ich mit einem sehr guten Schulfreund in Lappland. Wir sind auf den Spuren des Abenteurers Rüdiger Neberg gewandelt und haben versucht, seine Survival-Tipps umzusetzen. Während der Reise waren wir auch im Sarek-Nationalpark, der von der Vegetation und der Klimazone her vergleichbar mit dem Yukon-Gebiet ist. Schon damals hat mich die Weite und die Einsamkeit dieser Gegend fasziniert. Spätestens nach dieser Reise war klar, dass ich unbedingt auch zum Yukon wollte.

Die Begegnungen mit den Menschen sind für Dirk Rohrbach die Highlights auf seiner Reise

Die Begegnungen mit den Menschen sind für Dirk Rohrbach die Highlights auf seiner Reise

Dann hat es aber immerhin noch fast zwanzig Jahre bis zur Umsetzung gedauert. Hatten Sie von vorneherein geplant, die Reise alleine zu machen?

Ja. Auf meiner USA-Reise mit dem Rad habe ich gespürt, dass die Begegnungen vor Ort dann sehr viel intensiver sind. Als Alleinreisender haben die Menschen weniger Hemmungen auf einen zuzugehen. Diese intensiven Gespräche und Begegnungen wollte ich auch am Yukon erleben.

Fühlt man sich denn nicht auch einsam, wenn man alleine auf diesem gigantischen Fluss ist?

Der Yukon ist längst nicht so einsam wie manche das glauben. Vor allem in Alaska gibt es viele kleine Siedlungen. Richtig alleine habe ich mich deswegen nie gefühlt. Aber natürlich wird man sehr demütig und klein, wenn man in diesen Dimensionen paddelt und Wind und Wetter einem zu schaffen machen. Manchmal habe ich mir einen Partner gewünscht, um sich vielleicht in solchen schwierigen Situationen gegenseitig Zuversicht und Kraft zu geben. Und es gab Momente, die so besonders und schön waren, dass ich sie gerne mit jemand geteilt hätte.

Als Transportmittel haben Sie ein Kanu aus Birkenrinde gewählt, das sie selbst gebaut haben. Wie haben die Menschen auf Sie und ihr außergewöhnliche Gefährt reagiert?

Es war kein Zufall, dass ich im Kanu den Yukon entlang gepaddelt bin. Ich wollte ja den Ureinwohnern begegnen und deren Geschichten sammeln. Deswegen habe ich mich bewusst dazu entschieden, meine Reise mit einem Transportmittel zu machen, das Teil der Kultur der Ureinwohner ist. In vielen Situationen war das Boot ein Türöffner für mich. Die Menschen waren begeistert, dass sich ein Fremder mit ihrer Geschichte und ihren Traditionen beschäftigt.

In knapp drei Wochen baute Rohrbach das Kanu gemeinsam mit einem professionellem Schiffsbauer

In knapp drei Wochen baute Rohrbach das Kanu gemeinsam mit einem professionellem Schiffsbauer

…und dieser Fremde ist nicht nur gelernter Mediziner und Journalist, sondern auch Kanubauer!

Naja, sagen wir eher ich habe bei der Entstehung meines Kanus mitgewirkt (lacht). Ich wollte das Yukon-Projekt vor vorne bis hinten so authentisch wie möglich halten. Dazu gehörte eben auch, das Kanu selbst zu bauen. Glücklicherweise habe ich noch einen Spezialisten auf diesem Gebiet gefunden, mit dem ich gemeinsam in knapp drei Wochen das Kanu erbaut habe. Die Erkenntnis, dass man noch heute allein aus der Natur etwas herstellen kann, das einen so lange trägt, mit dem man ringt und das einen fordert, finde ich faszinierend. Es gab sicherlich auch viele Momente, in denen ich das Kanu verflucht habe und mir ein Plastikboot herbeigesehnt habe. Aber die Rückmeldungen, die ich durch die Kommentare der Menschen bekommen habe, haben für die Strapazen allemal entschädigt.

Birkenrinde ist ja nicht gerade das stabilste Material. Gab es auch Situationen, in denen es gefährlich wurde und die Weiterreise auf der Kippe stand?

Ganz am Anfang hatte ich einen Fast-Totalschaden am Boot. Das hat mich sehr frustriert und ich habe viel Vertrauen in das Boot und meine Reise und damit natürlich auch in mich selbst verloren. Ich bin am zweiten Tag auf einem Quellsee in meterhohe Wellen geraten und mein Boot ist auf die Felsen am Ufer geschlagen. Das Heck war dann völlig zerfetzt. In dem Moment habe ich gedacht, dass alles vorbei ist, bevor es überhaupt angefangen hat.

Was haben Sie dann gemacht?

Anfangs dachte ich, dass es völlig utopisch sei, das Boot wieder flott zu kriegen. Ich habe mich dann aber doch aufgerafft und nach zwei Tagen kam auch ein Polizeiboot vorbei, das mich in eine nahe gelegene Siedlung gebracht hat, wo ich dann in Ruhe das Boot zu Ende flicken konnte. Bei der Gelegenheit wurde ich von den Einheimischen zum „Aboriginal Day“ eingeladen und habe noch zwei weitere Tage dort verbracht. Das waren natürlich Dinge, die ich nicht geplant hatte. Aber aus diesem vermeidlichen Unglück haben sich wiederum Freundschaften und unvergessliche Momente ergeben. Somit hat jeder Schicksalsschlag wieder sein Gutes.

Ein Ureinwohner in seinem traditionellem Gewand

Ein Ureinwohner in seinem traditionellem Gewand

Was waren Ihre schönsten Erfahrungen auf der Reise?

Die Begegnungen mit den Menschen am Fluss. Es gibt zum Beispiel am Yukon eine Siedlung mit dem Namen Fort Yukon, die berühmt und berüchtigt ist. Aber nicht wegen der schönen Vegetation oder der herzlichen Menschen, sondern aufgrund des Schnapsladens, den es dort gibt. Viele Menschen warnen davor, dort Halt zu machen, weil es immer wieder zu Problemen und Ausschreitungen durch den Alkoholkonsum kommt. Aber ich halte nichts von Vorurteilen und bin dorthin gefahren. Als ich dann dort ausstieg, wirkte es wirklich nicht gerade einladend, und ich wollte eigentlich wieder abfahren. Aber dann kam ein Mann auf mich zu und hat mir angeboten, mein Zelt bei ihm aufzuschlagen und mir ein wenig die Gegend zu zeigen. Am nächsten Tag hat mich die Radiostation in der Siedlung interviewt, und ich durfte dort für drei Stunden Country Music auflegen. Danach kam dann ein Hörer zu mir, der mir eine tiefgefrorene Ente geschenkt hat, weil ihm die Musik so gut gefallen hat. Allein diese Geste, dass jemand sich auf dem Weg macht, um mir dieses Geschenk zu machen, das war toll. Solche Momente haben mich wirklich berührt.

Der Yukon mit seinem Territorium lockt immer wieder Aussteiger und Auswanderer an. Was fasziniert die Menschen so an diesem Fluss?  

Genau darüber habe ich mich mit einem Russen unterhalten, den ich auf meiner Reise kennengelernt habe. Vor zwanzig Jahren kam er auf einem Floß ins Yukon-Gebiet und lebt dort heute unter ganz archaischen Bedingungen. Wir sprachen darüber, was die Menschen am Yukon begeistert, und er hat etwas sehr Wahres gesagt: Er ist davon überzeugt, dass die Art und Weise, wie wir es gewohnt sind, auf etwas zu blicken, auch unseren Geist und unsere Seele beeinflusst. Je weiter der Horizont vor unserem Auge, desto freier und größer ist auch unser Geist. Vielleicht ist das ein Grund, weswegen die Menschen immer wieder zum Yukon zurückkehren.

Auf dem Yukon erscheint der Horizont unendlich

Auf dem Yukon erscheint der Horizont unendlich

Könnten auch Sie sich vorstellen, dorthin auszuwandern?

Früher habe ich immer gedacht, dass genau das mein Ziel ist: Eine Blockhütte in der Wildnis. Mittlerweile weiß ich, dass ich doch ein bisschen mehr brauche (lacht). Aber ich kann mir durchaus vorstellen, zumindest eine Zeit lang dort zu leben. Die Landschaft in den Wintermonaten hat bestimmt auch seinen Reiz.

Der Philosoph Hermann Keyserling hat einmal gesagt „Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum“. Was haben Sie auf der Reise über sich selbst gelernt?  

Ich habe in der Zeit gemerkt, dass ich eine tiefe Sehnsucht nach Heimat in mir habe. Eigentlich bin ich jemand, der sehr gut alleine zurechtkommt und viel Zeit für sich braucht. Aber auf dieser Reise habe ich eben auch diese andere Seite kennengelernt und das hat mich überrascht. Die Herzlichkeit der Menschen hat mich so berührt, dass ich auch dieses Jahr wieder ein paar Wochen dort verbringen möchte.

Vielen Dank für das Gespräch!

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