„Ich wollte selber über meinen Körper bestimmen“

Veröffentlicht: Juni 20, 2012 in Aussteigergeschichten, Uncategorized
Schlagwörter:, , , ,

Brigitte Obrist hatte Glück. Als sie sich für den Ausstieg aus der Prostitution entschied, hatte sie eine berufliche Perspektive. Doch gegen Vorurteile, eine Identitätskrise und Anfeindungen aufgrund ihrer Vergangenheit konnte auch Sie nichts tun.

Frau Obrist, lange Zeit haben Sie Ihren Beruf aus Angst vor Stigmatisierung verheimlicht. Dann haben Sie doch den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Wie kam es dazu? 

Brigitte Obrist heute

Brigitte Obrist heute

In den 90er Jahren kam das Thema Aids in den Medien auf. Die Schweizer Zeitung Beobachter wollte eine Prostituierte portraitieren und hat bei Xenia, einer Beratungsstelle für Prostituierte in Bern angefragt, bei der ich im Vorstand war. Ich war zu dem Zeitpunkt in einer Phase, in der ich mir die öffentliche Diskriminierung unseres Berufsstandes nicht länger gefallen lassen wollte. Also habe ich mich dazu bereit erklärt, das Interview mit dem Beobachter zu machen. Als sie sagten, sie würden den Namen  abändern und das Gesicht auf dem Foto nicht zeigen, wurde mir klar, dass ich nicht gegen Stigmatisierung kämpfen kann, wenn ich diese gleichzeitig unterstütze. Also habe ich gesagt, mit Namen und Gesicht – wenn schon, dann richtig.

Im „Beobachter“ erschien dann der Titel „Brigitte Obrist, Prostituierte – ich liebe meinen Beruf“.

Meine Eltern haben natürlich direkt das Abonnement abbestellt. Nach dieser Veröffentlichung bin ich zwei Jahre lang nicht mehr bei meinen Eltern zu Hause aufgetaucht.

Dafür haben sich die Medien auf Sie gestürzt.

Ja. Die Medien wollten Interviews mit mir machen und haben mich zu Vorträgen als Expertin eingeladen. So auch an meinem 29. Geburtstag, als ich in Graz zum Thema Kindsmissbrauch referieren sollte. Auf dem Rückweg nach Hause hatte ich dann einen emotionalen Zusammenbruch. Der war ausschlaggebend dafür, dass ich mich für den Ausstieg aus der Prostitution entschieden habe.

Was ist genau passiert?

Im Umfeld dieses Vortrags gab es eine Ausstellung zu sexueller Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen. Nachdem ich die gesehen hatte, habe ich mich in den Zug gesetzt und auf dem zehnstündigen Rückweg in die Schweiz geheult wie ein Schlosshund. Auf einen Schlag kamen die ganzen Erinnerungen an meine Kindheit wieder hoch – die Vergewaltigung, die ich nie verarbeitet hatte, der Selbstmordversuch. Dann waren da noch die Liebesbeziehungen, die immer wieder in die Hose gingen. Auf dieser Zugfahrt habe ich dann gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe mich im Schwarzwald drei Tage in ein Luxushotel eingesperrt, mit feinem Essen und edlem französischen Wein. Da habe ich mir ganz alleine von der Seele gekotzt. Ich habe auf keine Anrufe oder Sms reagiert. Ich musste erst einmal mit mir alleine sein.

Welche Veränderung hat dieses Ereignis in Ihnen bewirkt?

Nach diesen drei Tagen habe ich gemerkt, dass der Bezug zu meinem Körper ein anderer war. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn nur noch ich und nicht jemand anders entscheiden würde, was mit meinem Körper passiert und wer ihn anfasst. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich ein Gefühl für meinen Körper entwickelt und nahm ihn nicht länger als Fremdkörper wahr. Ich wollte selber über ihn bestimmen und wusste, dass die einzige Möglichkeit der Ausstieg war.

Wie lange hat es dann bis zum endgültigen Ausstieg gedauert?

Noch ca. ein Jahr. Ein Ausstieg aus der Prostitution von heute auf morgen ist unmöglich, schließlich gibt es ja auch noch eine Zeit danach, die man planen muss. Ich habe meinen Ausstieg in Ruhe vorbereitet, den Anteil des Salons verkauft, den ich zu diesem Zeitpunkt besaß und dort immer weniger Zeit verbracht. Nebenbei habe ich noch als Koordinatorin bei der Arbeitsgruppe Prostitution und Aids der Schweizer Aidshilfe gearbeitet.

Sie waren neun Jahre im Sexgewerbe aktiv. Eine Ausbildung haben Sie nie gemacht. Hatten Sie keine Existenzängste, als Sie ausgestiegen sind?

Mein großes Glück war, dass ich eine Perspektive bei der Aidshilfe hatte. Zu dem Zeitpunkt, als ich mich für den Ausstieg entschieden hatte, wusste ich, dass ich dort ein größeres Projekt übernehmen und als Koordinatorin arbeiten konnte. Damit habe ich mir einen beruflichen Grundstein für die Zeit nach dem Ausstieg gelegt. Natürlich habe ich dort nicht ansatzweise so viel verdient wie während der Prostitution. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem Geld nicht mehr so wichtig ist, dass man alles dafür tut.

Hatten Sie anfangs  Zweifel, dass der Ausstieg die richtige Entscheidung war?

Dass ich die Prostitution aufgegeben habe, habe ich nie bereut, aber mir hat die berufliche Identität gefehlt, eine Antwort auf die Frage „Was bin ich?“. Als Prostituierte habe ich mich genauso mit dem Beruf identifiziert wie jeder andere. Und wenn man dann wechselt und das andere kein richtiger Beruf ist, sondern nur eine undefinierte Position, dann ist das erst einmal schwierig und hat zu einer gewissen Identitätskrise bei mir geführt. Bald habe ich aber gemerkt, dass ich mich über das identifizieren muss, was ich bin und nicht über das, was ich mache.

Hatten Sie aufgrund Ihrer Vergangenheit Nachteile im Beruf?  

Natürlich. Einer ehemaligen Prostituierten gesteht man keine Fachkompetenz zu. Und das, obwohl ich auch Prostituierten-Projekte betreut habe, bei denen es nun mal keine bessere Fachfrau als eine ehemalige Prostituierte wie mich gibt. Dieses ewige Beweisenmüssen hat mich schlicht genervt und ich bin oft wütend geworden. Die Medien haben allerdings schnell gemerkt, dass ich nicht auf dem Mund gefallen bin. Ich entspreche ja auch nicht dem Bild einer dummen Hure, die nur die Beine breit gemacht hat. Aber ich musste vielen Menschen immer wieder klar machen, dass ich als Prostituierte gearbeitet habe, um Geld zu verdienen und nicht, weil ich eine Nymphomanin bin. Das war lediglich ein Beruf, bei dem ich eine Dienstleistung angeboten habe, nicht mehr.

Während der Prostitution hatten Sie keine ernstzunehmende Liebesbeziehung. Hat sich das nach Ihrem Ausstieg geändert?

Erst einmal ist es nicht leichter geworden, ich hatte quasi dasselbe Problem wie geschiedene Frauen mit Kindern. Männer wollen einen Neuwagen, keinen Gebrauchten. Männer verleugnen, dass Frauen eine sexuelle Vergangenheit haben. Die Frau soll möglichst erfahren sein, aber unberührt. Und eine Frau, die Kinder hat, die ist schon einmal gebraucht worden und eine Frau, die Prostituierte war, die hat darüber hinaus sogar noch Vergleichsmöglichkeiten. Und wenn dann eine Liebesbeziehung nicht klappt, dann führen die Leute das meist darauf zurück, dass ich einmal angeschafft habe. Aber schlussendlich habe ich dann doch jemand gefunden, mit dem ich jetzt glücklich zusammenlebe.

Ein ehemaliger Liebhaber von Ihnen.

Genau. Anfangs haben wir uns nur zum Sex getroffen, aber dann haben wir gemerkt, dass da mehr zwischen uns ist, als nur die körperliche Anziehung. Mittlerweile sind wir neun Jahre zusammen.

Hatte er anfangs Probleme mit Ihrer Vergangenheit?

Nein, nie. Er hat mich immer so akzeptiert wie ich bin. Meine Vergangenheit war für ihn nie ein Thema. Trotzdem wird mich das Thema Prostitution wohl ein Leben lang beschäftigen. Ich schäme mich aber nicht für diese Zeit, sie ist ein Teil von mir, den ich nicht missen möchte.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft!

Brigitte Obrist bezieht seit einiger Zeit Invalidenrente. Aufgrund einer Krankheit, den sogenannten Cluster-Kopfschmerzen, kann sie nicht mehr arbeiten. Ehrenamtlich engagiert sie sich derzeit für Behinderte und Menschen, die dieselbe Krankheit haben wie sie.  

Advertisements
Kommentare
  1. Ein guter Artikel und eine interessante Geschichte. Die durchworfene Gefühlswelt kann man gut nachvollziehen..

  2. Ibis sagt:

    Ein Mensch zu retten ist so als hat man die ganze Welt gerettet.. (Isaac Stern)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s