Wenn der Ekel der Routine weicht

Veröffentlicht: Juni 14, 2012 in Aussteigergeschichten
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Sie hat eine Lebensgeschichte hinter sich, die Bücher füllen würde: Mobbing, eine Vergewaltigung, ein Selbstmordversuch, der Abstieg in die Prostitution. Neun Jahre lang hat die Schweizerin Brigitte Obrist ihren Körper verkauft und sich den Phantasien zahlreicher Männer hingegeben. Ihr Männerbild habe dadurch etwas von seinem „Heroischen“ verloren, sagt sie. Denn die Freier hätten vor ihr nicht nur die Hose heruntergelassen, sondern auch ihre Seele entblößt.

Zehn Freier am Tag. 80 Euro für eine Viertelstunde. Rein. Raus. Duschen. Zwei, drei Worte wechseln, dann kommt der Nächste. Das Ganze beginnt von vorne. Szenen, an die sich Brigitte Obrist nur allzu gut erinnert. Die heute 48-Jährige hat von 1984 bis 1993 in einem Schweizer Studio als Prostituierte gearbeitet. Dennoch bereut sie diese Zeit nicht, weil sie – wie sie sagt – selbstständig arbeiten konnte, finanziell unabhängig war und auf diesem Arbeitsmarkt keine männliche Konkurrenz hatte.

Brigitte Obrist als junge Frau

Brigitte Obrist als junge Frau

Geboren wurde Brigitte Obrist in einem kleinen Schweizer Dorf in der Nähe der deutschen Grenze. Eine sehr katholische, konservative Gegend. Als eines von drei Kindern wächst sie auf dem Bauernhof ihrer Eltern auf. In der Schule wird sie deshalb gemobbt. „Die anderen Kindern haben mich gehänselt und beschimpft, weil ich angeblich nach Stall riechen würde“, berichtet sie. „Jeden Tag auf dem Weg zur Schule musste ich mir das anhören. Als junges Mädchen hat mich das sehr getroffen.“

Vergewaltigung mit 13 Jahren

Im Februar 1967 wird in Laufenburg, einer deutschen Grenzstadt, die Fastnacht gefeiert. Für die 13-Jährige Brigitte endlich einmal die Gelegenheit, aus dem Dorf rauszukommen und abseits der prüfenden Blicke der Dorfbewohner andere Jugendliche kennenzulernen. Sie verbringt einen ausgelassenen Abend. So ausgelassenen, dass sie den Bus nach Hause verpasst. Als sie bei ihren Eltern anruft, droht die Mutter, ihr Vater werde sie verprügeln, wenn sie zu spät kommt. Ein junger Mann, den sie gerade kennengelernt hat, bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Doch dort kommen sie nicht an. Der Junge füllt die 13-Jährige ab – ihre erste Erfahrung mit Alkohol. Dann nimmt er sie mit zu sich nach Hause und vergewaltigt sie. Um sechs Uhr morgens setzt er sie vor dir Tür. An einer Schnellstraße entlang geht das junge Mädchen fünf Kilometer zu Fuß, dann wird sie von einer Polizeistreife aufgegriffen und nach Hause gebracht. Anstatt des erhofften Trosts und der ersehnten Zuneigung erwarten sie dort Vorwürfe. „Meine Mutter war sauer auf mich, hat mich als Hure beschimpft und mir gesagt, dass ich einmal auf dem Strich landen werde.“ Die Wahrnehmung im Dorf war eben damals eine andere: Wurde eine Frau vergewaltigt, war sie die Sündige. Der Täter, der die 13-Jährige vergewaltigte, wird später gefasst und verurteilt.

Weil sie keinen Halt findet und die Bilder im Kopf nicht los wird, schluckt Brigitte eine große Menge der Schlaftabletten ihrer Mutter. Ihr Magen wird ausgepumpt, sie überlebt nur knapp. Trotz des Hilferufs des Mädchens gibt es wieder nur Schelte von den Eltern. „Meine Mutter hat mir eine geknallt und mir Vorwürfe gemacht“, erzählt sie. Nach diesem Vorfall geht Brigitte auf eigene Entscheidung für ein Jahr in ein Kinderheim. Anschließend kehrt sie zu ihren Eltern zurück und macht ihren Hauptschulabschluss. Doch länger als nötig will sie dort nicht bleiben. Die Abhängigkeit vom Elternhaus kann sie nicht länger ertragen.

Vom Gastronomiegewerbe ins Rotlichtmilieu

In einem Grenzdorf  in der Schweiz findet sie einen Job, arbeitet zunächst am Tresen, dann als Bedienung. Jeden Tag von 17 Uhr bis Mitternacht. Als sie in einen Nachtclub wechselt, häufigen sich die sexuellen Anspielungen und Offerten von Kunden. „Es ist ja nichts neues, dass jeder mal mit dem Barmädchen ins Bett will. Bei uns gab es aber die Regel, man solle nie mit jemanden in die Kiste steigen, aber  jeden im Glauben lassen, er könne mal ran“, erzählt Obrist. Bis zu diesem Zeitpunkt habe sie überhaupt keinen Bezug zu Sex gehabt. „Das war etwas für mich, das Männer wollten. Ich habe immer versucht herauszufinden, was denn daran so toll sein soll.“ Im Nachtclub lernt Obrist dann eine Kollegin kennen, die ihr erzählt, dass sie nebenbei anschafft. Zur gleichen Zeit habe ein Kunde immer wieder versucht, sie ins Bett zu kriegen. Als sie abblockt, habe er angefangen, Geld zu bieten. „Bei 800 Euro bin ich schwach geworden und habe es gemacht. Das war immerhin ein Drittel meines Gehalts.“ Gedacht oder gefühlt hat Obrist bei ihrem „ersten Mal“ nichts. „Wir saßen im Auto, er links, ich rechts. Ich habe die Augen geschlossen, weggeguckt und es über mich ergehen lassen“, schildert sie. „Im Enddefekt war es nicht anders, als wenn ich zu Hause mit einem Partner zu Liebe Sex gehabt hätte. Ob ich es für Geld oder umsonst mache, hat für mich zu dem Zeitpunkt keinen Unterschied gemacht. So oder so war es nicht freiwillig.“

Bei einem einmaligen Ausrutscher bleibt es nicht.  Für Brigitte Obrist ist dies der Anfang ihrer „Karriere“ im Rotlichtmilieu. In verschiedenen Zeitungen sucht die 21-Jährige Inserate heraus und bewirbt sich auf Angebote im Sexmilieu. Letztendlich landet sie in einem Salon – einer Vierzimmerwohnung, die sie mit anderen Frauen als Bordell nutzt. Einen Zuhälter haben sie nicht, da dies zum damaligen Zeitpunkt in der Schweiz noch strafbar war.

Der Wandel von Obrist in eine Prostituierte

Der Wandel von Obrist in eine Prostituierte

Prostitution – ein lukratives Geschäft

Die Zeit als Prostituierte ist für die Schweizerin ein lukratives Geschäft. Durchschnittlich 8.000 bis 10.000 Euro im Monat verdient sie, teilweise sogar noch etwas mehr. Bis zu zehn Sexualpartner hat sie am Tag. Routine kehrt ein. Aber: Hat sie keine Gewissensbisse? Empfindet sie keinen Ekel? „Am Anfang habe ich mich natürlich schon merkwürdig gefühlt, man hat ja dieses Bild vom schmutzig sein und der Prostitution im Kopf. Das war aber nur die ersten 3-4 Wochen, dann wurde das zum Alltag.“ Es gab aber auch Männer, denen die Schweizerin sich verweigerte. „Sturzbetrunkene oder Männer, die auf Drogen waren, habe ich nicht bedient.“

In ihrem sozialen Umfeld wusste keiner etwas von ihrem Doppelleben. Nur die Mutter kam ihr zufällig auf die Spur. „Sie hat meine Handtasche durchwühlt und das viele Geld gesehen. Ich habe mir dann erlaubt zu sagen, dass ich damit ja nur ihre Erwartungen erfüllt habe“, sagt sie und lacht verbittert. Ansonsten erzählt sie fast keinem von ihrem Verdienst. Ihr Berufsleben ist ihr Geheimnis. „Prostitution bedeutet Stigmatisierung. Man bekommt keine Wohnung, die Männer verlieren die Hemmung. Wenn man einem Mann erzählt, dass man Prostituierte ist, dann geht das eine halbe Minute gut und dann beginnt er, einen zu begrabschen.“

Liebesleben bleibt auf der Strecke

Neben sozialen Kontakten hat sie noch etwas anderes eingebüßt: Ihr eigenes Liebesleben. In den neun Jahren, die Obrist als Prostituierte arbeitete, habe sie zwar immer wieder kurze Beziehungen gehabt, für etwas Dauerhaftes habe es aber nie gereicht. Zu groß war das Problem ihrer Freunde mit dem sehr speziellen Beruf. „Meine ernsthaften Partner wussten von der Prostitution. Viele hatten Angst davor, dass ich sie mit anderen Männern vergleichen würde und sie dann schlecht abschneiden. Aber woher sollte ich denn wissen, was ein guter Liebhaber ist? Meine Freier haben mich gebumst, wie Karnickel. Ich hab immer nur machen lassen, da ging es nie darum, was ich wollte.“

Gleichzeitig Hure, Psychologin, Freundin und Mutter

Ihren Körper hat Brigitte Obrist verkauft, ihre Seele aber nie, sagt sie. „Man stellt den Männern seinen Körper zur Verfügung – aber mit Einschränkungen. Es gab auch Stellen, an denen sie mich nicht anfassen durften. Küssen war auch nicht erlaubt. Der Sex war sehr mechanisch“, meint sie nüchtern. Vielfach sei der Sex auch nur Vorwand gewesen, berichtet die Ex-Prostituierte. Oftmals hätten ihr Männer von ihren Phantasien oder Problemen erzählen wollen. „Im Enddefekt war nicht ich diejenige, die sich entblößte, sondern die Männer. Sie haben vor mir nicht nur die Hose runtergelassen, sondern auch ihre Seele entblößt. Damit verliert das Bild vom Mann viel von seinem Heroischen.“ Auf der anderen Seite hätte das die Männer für sie auch liebenswerter gemacht. Obrist war gleichsam Hure, Psychologin, Freundin, Ersatzmutter und Lebensberaterin. Sie lernte, eine gute Prostituierte und Schauspielerin zu sein, um maximalen Profit zu machen. Die meisten Gesichter habe sie vergessen, kaum seien sie zur Türe hinaus, so Obrist. „Geblieben sind nur ihre Geschichten und die Sehnsüchte, die sie mit sich rumgetragen haben.“

Warum Brigitte Obrist nach neun Jahren aus dem Prostituierten-Alltag ausstieg und ob sie als ehemalige „Hure“ ein Leben lang einen Stempel auf der Stirn hat, lest Ihr in Kürze hier in einem Interview.

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