„Ich hatte mehr als eine schlaflose Nacht“

Veröffentlicht: Mai 10, 2012 in Aussteigergeschichten
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Zwanzig Jahre lang war Thomas Schmidt (Name geändert) Gemeindemitglied der Zeugen Jehovas. Dann stieg der heute 45-Jährige mit seiner Familie aus. Ein Gespräch über Enttäuschung, Schuldgefühle und neue Hoffnung.

Die letzten vier Jahre bei den Zeugen Jehovas waren Sie „Ältester“. In dieser Funktion mussten Sie selbst „Abtrünnige“, also Menschen, die an der Sekte Kritik üben, ausschließen. Hat dieses Amt etwas mit ihrem Ausstieg zu tun?

Definitiv. So etwas wie der Gemeinschaftsentzug waren schon Mechanismen, die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben. Aber im Prinzip gab es nicht nur den einen Grund. Wenn man als Ältester merkt, dass vieles intern ganz anders ist als in der Außendarstellung, dann muss man irgendwann die Entscheidung treffen und sich fragen, ob man noch in den Spiegel schauen kann oder nicht.

Der Wachturm - die Zeitschrift der Zeugen Jehovas

Der Wachturm – die Zeitschrift der Zeugen Jehovas

Gab es Menschen, bei den Ihnen der Ausschluss besonders schwer fiel?

Da war mal ein junges Mädchen, das Drogenprobleme hatte und auch ganz klar gesagt hat, dass es so weitermachen will. Formal hat man da keine Chance, man muss das Mädchen ausschließen. Sonst hätte es ja noch andere beeinflussen können. Das Problem war aber, dass die junge Frau gar nicht mehr klar ansprechbar war. Ich musste also jemanden ausschließen, der selbst auf Hilfe angewiesen war. Deswegen habe ich mit der Mutter gesprochen und ihr gesagt, dass sie mit ihrer Tochter zur Drogenberatung gehen soll. Streng formal hätte sie das ja gar nicht gedurft.

Warum?

Weil die Mutter noch Mitglied bei den Zeugen ist und der Kontakt zu ehemaligen Sektenmitgliedern – also in dem Fall ihrer Tochter – strengstens verboten ist. Und das hätte sie auch so akzeptiert. Das muss man sich mal vorstellen – hätte ich ihr nicht erlaubt, ihrem Kind zu helfen, hätte sie ihre Tochter wohl fallen lassen.

Was haben Sie noch in der Zeit als Ältester erlebt?

Es gab so viele Geschichten – ich kannte mehrere Älteste bei denen herauskam, dass sie kriminell waren und Gelder veruntreut haben. Ich musste mir über Kindesmissbrauch den Kopf zerbrechen. Glauben Sie mir, ich hatte mehr als eine schlaflose Nacht.

Was war entscheidend für Ihren endgültigen Ausstieg aus der Sekte?

Viele Mitglieder der Zeugen Jehovas waren psychisch am Ende. Aber wenn man sich nicht gut fühlt, dann sucht man erst einmal den Fehler bei sich selbst. „Reicht mein Glaube nicht aus, warum passiert mir das, bete ich zu wenig?“ In der Bibel heißt es „Ihr seid Lichtspender für den Rest der Welt“. Aber irgendwann hatte ich den Eindruck, hier drinnen geht es viel schlimmer zu als da draußen. Hier sind viel mehr Probleme. Und irgendwann habe ich auch verstanden, dass das nicht an dem schlimmen Einfluss der bösen Welt liegt, sondern hausgemacht ist. Manchmal habe ich mir gedacht, so eine Versammlung wäre die ideale Selbsthilfegruppe, da gibt es so viele Menschen, die dieselben Probleme haben. Aber die dürfen ja alle nicht darüber reden!

Im Sommer 2007 sind Sie dann von all ihren Ämter zurückgetreten und mit Ihrer Frau und den zwei Kindern ausgestiegen. 

Meine Frau war in einer schwierigen Phase, sie war depressiv und bekam Medikamente. Und letztendlich wusste ich, dass das an diesem Verein liegt. Dann haben wir uns – auch wegen der Kinder – gemeinsam für den Ausstieg entschieden. Hätten wir noch länger gewartet, dann wären womöglich unsere Kinder so sehr von der Lehre überzeugt gewesen und wären dort geblieben. Dann wäre auch unsere Familie zerstört. Das wollten wir mit allen Kräften verhindern.

Wie haben Ihre Kinder auf den Ausstieg reagiert?

Anfangs war es nicht leicht für sie, sie hatten ja ihren gesamten Freundeskreis bei den Zeugen Jehovas. Und auch vier Jahre danach ist es sicherlich noch schwierig für sie, weil sie immerhin die ersten 10 Jahre ihres Lebens durch die Sekte geprägt worden sind.

Haben Sie Schuldgefühle gegenüber Ihren Kindern?

Natürlich. Ich denke noch oft darüber nach, dass ich den Schritt hätte früher wagen sollen. Aber ich merke auch, dass sich meine Kinder jetzt zum Positiven verändert haben. Sie sind selbstbewusster und gehen freier in die Welt, treffen ihre eigenen Entscheidungen. Dennoch fällt es ihnen schwer, in dieser Welt Fuß zu fassen und soziale Kontakte aufzubauen.

Auch Sie hatten außerhalb der Sekte so gut wie keine Freunde. Mit dem Ausstieg fiel ihr gesamtes soziales Umfeld weg. Wie verkraftet man das?

Die Leere und diese beängstigende Ruhe waren das Schlimmste. Drei Wochen vorher sind noch Menschen zu mir gekommen, die mir teilweise wirklich intime Probleme anvertraut haben. Und dann ist auf einmal nichts mehr von dem da. Das ist als ob jemand einen Schalter umlegt. Ich kannte die Lehren natürlich und extrem überrascht hat es mich nicht. Aber dennoch war es sehr hart.

Glauben Sie, dass Sie den Ausstieg ohne Ihre Familie geschafft hätten?

Ich glaube nicht. Wir haben uns gegenseitig sehr viel Kraft gegeben und Mut gemacht. Bei einem Freund von mir ist daran die Ehe zerbrochen. Er ist alleine ausgetreten und hatte große Probleme, mit dieser Umstellung klarzukommen. Vor kurzem hat er einen Selbstmordversuch unternommen. Im Moment ist er in psychiatrischer Behandlung.

20 Jahre bei den Zeugen Jehovas ist eine lange Zeit. Haben Mitglieder versucht, Sie umzustimmen und wieder zurückzugewinnen?

Nein. Und genau diese Reaktion hat mich darin bestätigt, dass der Ausstieg die richtige Entscheidung war. Die Zeugen haben sich noch nicht einmal auf eine Diskussion mit mir eingelassen. Wenn man davon überzeugt ist, den einzig wahren Glauben gefunden zu haben, dann muss man ihn doch auch vertreten können. Aber sobald jemand kommt, der ein bisschen kritisch ist, dann hauen sie alle ab. Das kann doch nicht sein! Das ist doch dann kein Glaube!

Viele Menschen brauchen bei einem derart einschneidenden Erlebnis einen Tapetenwechsel. Sie sind im gleichen Ort wohnen geblieben und weiter zur Arbeit gegangen.

Ich hatte ja meinen Job; meine Kinder sind hier zur Schule gegangen. Und trotz des Bruchs war der Ausstieg vom ersten Tag an eine Erleichterung für mich. Von jetzt auf gleich war dieser Druck weg. Aber es ist schon schwer, wenn ich durchs Dorf gehe und alte Bekannte sehe, die noch bei den Zeugen aktiv sind. Die grüßen einen nicht, behandeln mich wie eine fremde Person.

Wenn Sie heute die Chance hätten, mit einem Zeugen Jehovas-Mitglied über die Lehren zu sprechen. Was wäre Ihr größter Kritikpunkt?

Das gesamte Menschenbild ist falsch. Jeder Mensch hat eine andere Logik und eigene Sicht, Dinge zu sehen. Aber die Zeugen Jehovas sind der Meinung, alle müssten gleich denken. Man kann doch nicht einer Gruppe von Menschen eine Glocke überstülpen und ihnen sagen, „Ihr müsst alle gleich denken und fühlen, das ist euer Endziel!“ So funktioniert das nicht, das ist ein extrem starkes Verbiegen der Persönlichkeit. Die Zeugen Jehovas verhindern ein selbstbestimmtes Leben. Man soll nicht für sich selbst leben, sondern für Gott oder in diesem Fall für die Organisation.

Wie stehen Sie heute zur Religion? Woran glauben Sie?

Ich glaube an nichts mehr, zumindest an keinen Gott. Ich bin zum Agnostiker geworden. Manchmal bin ich traurig darüber, dass ich meinen Glauben verloren habe. Aber ich habe mich wirklich intensiv mit Religionen und der Bibel auseinandergesetzt. Um wieder religiös zu werden, dazu weiß ich einfach zu viel. Aber ich will mich gar nicht beschweren. Im Vergleich zu früher geht es mir gut. Ich bin ein freier Mensch und kann endlich das machen, was mir die Sekte 20 Jahre lang verwehrt hat: ein selbstbestimmtes Leben führen.

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Kommentare
  1. Anna sagt:

    Sehr schön Marie!

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