Leben für die Sekte

Veröffentlicht: Mai 3, 2012 in Aussteigergeschichten
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Missionieren, Bibelstunden, drei Mal die Woche Versammlung – das war für Thomas Schmidt (Name geändert) viele Jahre lang Alltag. Die Zeugen Jehovas hatten ihn im Griff. Ein Bericht aus dem Inneren der Sekte – über Zukunftsängste, Harmagedon und die Feindschaft mit der Welt.

Thomas Schmidt (Name geändert) möchte anonym bleiben und das Leben in der Sekte hinter sich lassen

Thomas Schmidt (Name geändert) möchte anonym bleiben und das Leben in der Sekte hinter sich lassen

Sie leben abgeschottet, ersehnen das Paradies nach dem Weltuntergang herbei und stehen oft ungefragt vor der Haustür. In den 80er Jahren konnten nur wenige Menschen etwas mit den Zeugen Jehovas anfangen. Auch Thomas Schmidt nicht. Er kannte die Organisation lediglich aus den Erzählungen seiner Eltern. „Da haben sie ab und zu mal geklingelt.“ Von der Lehre der Sekte und ihrer Weltanschauung wusste er nichts.

Mit Anfang 20 zog Schmidt aus einem kleinen Dorf nach Hamburg, um seine technische Ausbildung zu machen. Er war allein, hatte so gut wie keine Freunde. Zur Zeit des Kalten Krieges waren seine Gedanken geprägt von Zukunftsängsten. „Ich habe nach etwas gesucht, was mir die Welt erklärt und all meine Zweifel begräbt“, erzählt er. „Und das haben die Zeugen Jehovas anfangs getan.“

Missionierung an der Haustür

Schmidt wurde ganz klassisch an der Haustür missioniert. Anfangs besuchte er Freizeitaktivitäten, traf sich mit anderen Jugendlichen der Sekte zum Fußballspielen. „Die wirkten wie ganz normale Leute. Alle waren sehr nett zu mir, ich fühlte mich schnell integriert“. Später sei er dann auch zu den Zusammenkünften gegangen. Ein Jahr später trat Schmidt den Zeugen Jehovas bei.

Ob ihm die Lehren der Sekte anfangs suspekt gewesen seien? „Es gab schon Dinge, die ich von Beginn an nicht ganz akzeptiert habe“, sagt er. Und nach einem kurzen Moment ergänzt er: „Aber das große Ganze stimmte eben.“ Feste ethische Grundsätze, ein starkes Gemeinschaftsgefühl und der Glaube an den einen Gott – Aspekte, die ihn überzeugten.

Glaube an Harmagedon

Schmidt war einer von 165.000 deutschen Zeugen Jehovas. Er glaubte daran, dass bald ein  „Harmagedon“ kommt und die Welt untergeht. Nach der Lehre werden 144.000 Zeugen Jehovas auserwählt und kommen als Regierung in den Himmel. Die weltlichen Menschen sterben, die übrigen Zeugen Jehovas dürfen auf der Erde im Paradies weiterleben. Nur die, die sich den strengen Regeln der Sekte unterwerfen, können ein Leben in Harmonie weiterführen. „Keiner von uns wollte sterben. Wir haben alles dafür getan, um zu überleben“, sagt Schmidt und seine Miene versteinert sich.

Sein Alltag war geprägt von der Sekte. Drei Mal die Woche ging er zur Zusammenkunft – in der Jehova-Sprache ein Synonym für Gottesdienst. Hinzu kamen Leseaufgaben aus der Bibel und das Missionieren Ungläubiger. Mehrmals die Woche ging Schmidt von Haus zu Haus, mit dem „Wachturm“ in der Hand, der Zeitschrift der Zeugen Jehovas, um Menschen von seiner Weltanschauung zu begeistern. Auch seine Kinder wurden von Geburt an in die Strukturen der Sekte eingeführt. „Wir haben sie zu allen Veranstaltungen mitgenommen“, berichtet er. Zusätzlich mussten die Kinder zu Hause noch intensives Bibelstudium betreiben. „Das alles neben der Schule zu schaffen, war ein ganz schöner Kraftakt für sie.“

Leben in zwei Welten

„Freundschaft mit der Welt ist Feindschaft mit Gott“. Bei den Zeugen Jehovas gibt es nur schwarz und weiß, Gott oder Satan. Auf der einen Seite steht die wahre Organisation, die vom heiligen Geist und Jesus geführt wird. Und dann gibt es den Rest der Welt, der von Satan beherrscht wird und dem Untergang geweiht ist. Kontakte außerhalb der Sekte hat so gut wie niemand. „Und wenn, dann hat man ein ungutes Gefühl dabei, da die anderen ja keine Diener Gottes sind.“ Außer bei der Missionarsarbeit ist der Kontakt mit Nicht-Mitgliedern möglichst zu vermeiden. „Selbst wenn man mit Menschen einfach nur mal einen Kaffee trinken geht, dann ist da immer dieser Hintergedanke dabei. Man muss immer versuchen, einen guten Eindruck zu erwecken, damit die Leute Interesse an der Sekte gewinnen“, erzählt Schmidt. Man selbst ist man nie. Ein ständiges Leben in einer Rolle. „Wenn man sich nur in diesem Umfeld bewegt, dann merkt man nicht, wie man unterdrückt wird und welche subtilen Kontrollmechanismen verwendet werden.“

Weihnachten, Ostern und Geburtstag sind tabu

Heidnische Feste wie Weihnachten oder Ostern feiern die Zeugen Jehovas nicht. Auch Geburtstage haben keinerlei Bedeutung. Ein Konfliktpotential innerhalb der Familie? „Probleme gab es eigentlich nur in der Schule“, so Schmidt. „Dort gelten Kinder, die anders sind, ja schnell als Außenseiter. Bei uns zu Hause waren es die beiden ja nicht anders gewohnt.“ Auch in der Schule sei aufgefallen, dass die Kinder anders waren. „Während die anderen Jungs „Ballermann III“ gespielt haben, hat sich mein Junge mit seinem „Häschenspiel“ beschäftigt“, sagt er und ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Kriegsspiele oder pornographisches Material in der Pubertät gab es bei den Zeugen Jehovas nicht.“ Und dann ergänzt er: „Zumindest nicht offiziell.“

Auch Schläge gegen Kinder seien bei den Zeugen Jehovas nicht die Ausnahme. „Ich habe meinen Sohn auch teilweise geschlagen, obwohl ich das eigentlich nicht wollte“, gibt Schmidt zu. „Wenn man dem Wortlaut der Bibel folgt, dann ist diese Methode legitim.“ Eine Distanzierung von solchen Textpassagen hätte schwerwiegende Folgen für die Zeugen Jehovas. Denn: Wer dem Wortlaut der Bibel nicht glaubt, wendet sich gleichzeitig von Gott ab.

Das Leben bei den Zeugen Jehovas hat dem heute 45-Jährigen allmählich seine Autonomie geraubt. Die Sekte hat bestimmt, was gut und böse, richtig und falsch ist. Zwanzig Jahre lang hat er sich von der „absoluten Wahrheit“ leiten lassen. Was dann passierte, lest ihr in Kürze auf diesem Blog.

 

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Kommentare
  1. Cori sagt:

    Bin gespannt wie es weiter geht und wie er nach so länger zeit den weg aus der Sekte gefunden hat

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