(K)Ein Bund fürs Leben

Veröffentlicht: Juli 14, 2011 in Aussteigergeschichten
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Was haben Thomas Gottschalk, Friedrich Merz und Jürgen Rüttgers gemeinsam? Sie alle sind Mitglied in einer Studentenverbindung. Was für viele eine zweifelhafte Organisation darstellt, ist für andere Dreh- und Angelpunkt eines Lebens in geordneten Bahnen. Auch Stephan Peters genoss anfangs das starke Gemeinschaftsgefühl der katholischen Verbindung „Palatia“, eher er seine Überzeugung in den auferlegten Wertvorstellungen nach und nach verlor.

Heute arbeitet Stephan Peters als Rhetoriktrainer

Heute arbeitet Stephan Peters als Rhetoriktrainer

Es gab nicht diesen einen Moment, der seine Einstellung von jetzt auf gleich schlagartig änderte. Kein Aha-Erlebnis. Es war eher ein schleichender Prozess, den Stephan Peters dazu bewog, einen neuen Weg einzuschlagen. Ein Weg ohne seine Kameraden, ohne die täglichen Abendveranstaltungen, die Kneipen-Feiern und das traditionelle Band um den Körper. Ein Leben nach „Palatia“, der katholischen Studentenverbindung, der er viereinhalb Jahre seine Treue schwor.

Als Peters in die Verbindung eintritt, folgt er dem Weg, den ihm seine Familie – ein autoritäres, erzkatholisches Elternhaus – ohnehin vorgibt. Großvater, Vater, Bruder – allesamt sind Mitglieder einer Studentenverbindung. „Für mich gab es eigentlich nicht die Wahl, ob ich in eine Verbindung eintrete oder nicht. Höchstens in welche.“

Aufstieg vom Fuchs zum Burschen

Das erste halbe Jahr, das Peters bei der katholischen Studentenverbindung „Palatia“ in Marburg verbringt, ist er “Fuchs“, ein „niedriges Wesen“, ein noch unvollständiges, unerfahrenes Mitglied. Mindestens drei Abende die Woche besucht er die Veranstaltungen der Verbindung, paukt die Regelwerke und die Entstehungsgeschichte. Nach sechs Monaten legt er den Grundstein für das „Lebensbundprinzip“, dem sich jedes Mitglied verschreibt: das erfolgreiche Bestehen der Burschenprüfung. „Die Mitgliedschaft in der Verbindung gilt ein Leben lang. Ein Ausstieg ist in den Statuten eigentlich nicht vorgesehen“, so Peters über die übersichtlichen Chancen, den Bund eines Tages lösen zu können.

Das Gefühl eines neuen Ichs wird gefüttert mir klassischen Riten: Peters bekommt einen zusätzlichen Namen, mit dem nur Verbindungsbrüder ihn ansprechen dürfen. In Reutlingen, wo er kurz Zeit studiert und der Verbindung „Cimbria“ beitritt, wird die Namensgebung mit einer Art Taufe zelebriert. Aber eben mit gewissen Abwandlungen. „Statt gewöhnlichem Taufwasser hat man mir Bier über den Kopf geschüttet“, erinnert sich Peters an die bizarre Zeremonie. Dass er dabei nur eine Unterhose trug, erübrigt sich fast. Sinn und Zweck des Ganzen? „Erst danach gilt man als echter Mann. Das ist vergleichbar mit der Mensur bei schlagenden Verbindungen – nur in wesentlich abgeschwächter Form“, so der ehemalige Verbindungsstudent über die skurrile Abwandlung des religiösen Brauchs. „Aber natürlich geht es auch da um gezielte Erniedrigung.“

Kuriose Rituale und Traditionen

Studienbedingt wechselt Peters nach Marburg zu der katholischen Verbindung „Palatia“. Anfangs ist er begeistert von den kuriosen Riten. Selbst für den übermäßigen Alkoholkonsum gibt es eigene Vorschriften, die bis ins Detail erklären, wie man sich gepflegt zu betrinken hat. „Entscheidend war die Menge, die man zu sich nahm. Kein normaler Mensch kann aus dem Stand heraus einen Liter Bier auf Ex trinken. Aber wir haben unsere Körper so trainiert, dass das funktionierte“, erzählt er. Auch das sei eine Art der Abgrenzung und des Eliteempfindens, so Peters.

Nicht nur Trinkspiele, auch das Netzwerk rund um die „Alten Herren“ sei für viele ein Anreiz, in eine Studentenverbindung einzutreten. „Die Mitgliedschaft ist oftmals ein Türöffner für eine steile Karriere. Auch ich habe mir so etwas erhofft“, gibt Peters zu. „Jeder hilft jedem. Da wird schnell mal eine Telefonnummer weitergegeben oder ein Vorstellungsgespräch vermittelt.“ Letztlich zahle sich auch die erlebte und erlernte Disziplin und Hierarchie aus. Denn wer sich korrekt unterordnet, ist im Berufsleben ein gern gesehener Angestellter.

Bild von der Eliteorganisation bröckelt

Doch genau an dieser Hierarchie scheitert Peters Zukunft bei der katholischen „Palatia“. Zu unlogisch, zu unbegründet ist sie in seinen Augen. Nach zweieinhalb Jahren Mitgliedschaft in der Verbindung beginnt sein Bild von der Eliteorganisation langsam zu bröckeln. „Objektiv betrachtet ergab das alles keinen Sinn. Da sitzen diese Männer in dunklen Anzügen und einem Band um ihren Körper, während ihnen ein 20-Jähriger befiehlt, was sie zu tun haben, über was man spricht und welche Lieder man singt“, erzählt Peters. „Dass die sogenannten ‚Füchse‘ dann noch wie Leibeigene behandelt werden, entzieht sich jedem gesunden Menschenverstand.“

Trotzdem: Woher der plötzliche Sinneswandel? „Da kamen mehrere Faktoren zusammen“, so Peters. „Mit Sicherheit war auch mein Studium ausschlaggebend dafür, dass ich mir mehr Gedanken gemacht und nicht mehr alles so hingenommen habe.“ Peters ist wissbegierig, daran interessiert, was andere denken und worauf ihre Weltanschauung basiert. Als einziger Mann besucht er interessehalber ein feministisches Seminar. Erwünscht sei er dort nicht gewesen, erzählt Peters. Immerhin ist er Mitglied einer Organisation, in der ein frauenfeindliches Weltbild vertreten wird. Ob man das weibliche Geschlecht als „niederes Wesen“ betrachtet oder den harmlosen Flirt „Frischfleischbeschauung“ nennt – die Verbindung hat für vieles ihre ganz eigene Erklärung. „Letztendlich habe ich gemerkt, dass ich diesen Frauen nichts Sinnvolles entgegensetzen konnte“, räumt er ein. Seine neuen Ansichten passen nicht mehr in das alte, konservative Weltbild, das in der Verbindung gepredigt wird.

„Zunächst habe ich noch versucht, innerhalb der Verbindung etwas zu verändern und Dinge anzusprechen, die mich gestört haben“, so Peters über die Konsequenzen seines inneren Wertewandels. Aber der Erfolg bleibt aus. „Die konservative und sexistische Denkweise ist ein Grundstein von Verbindungen. Daran lässt sich nicht rütteln.“ Mit seinem Beitritt zu den Marburger Jusos – von dem er sich auch durch die kritische Reaktion seiner Bundesbrüder nicht abhalten lässt – versucht Peters herauszufinden, was seinem Weltbild am ehesten entspricht.

Viereinhalb Jahre lang dauert Peters Mitgliedschaft bei „Palatia“. In einem Brief an den Burschenkonvent begründet er 1995 seinen Ausstieg aus der Verbindung. Mit dem Austritt fällt nicht nur Druck von ihm ab, gleichzeitig muss er sich auch mit dem Gedanken anfreunden, einen Großteil seiner Freunde verloren zu haben. Nur die Mitgliedschaft bei den Jusos hilft ihm gegen die soziale Isolation. „Ohne den Halt, den ich dort gefunden habe, wäre es wahrscheinlich sehr viel schwerer für mich gewesen.“

Als Verbindungs-Experte bei den Medien gefragt

Sechzehn Jahre ist der Ausstieg jetzt her. Abgeschlossen hat Peters mit seiner Zeit in der Verbindung aber noch lange nicht. So scheint es zumindest. Auch heute noch wird der Politologe zu Vorträgen als Experte für Studentenverbindungen eingeladen, tritt regelmäßig in Fernsehsendungen zum Thema auf. „Ich finde es spannend, dass eine Gemeinschaft mit so konservativen Werten in der heutigen Gesellschaft überleben kann“, so Peters über seine Faszination für die Korporationen. „Die Welt hat sich zwar verändert, aber anscheinend nicht wesentlich. Studentenverbindungen haben immer noch Zulauf, weil sie eine scheinbare Antwort auf die Sehnsüchte und Ängste vieler junger Menschen sind, die für das Studium ihr gewohntes Umfeld verlassen. Die Verbindungen suggerieren den Studenten Geborgenheit, Verlässlichkeit und feste Wertvorstellungen.“

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Kommentare
  1. Jennifer Taube sagt:

    Hallo Stephan, ich bin derzeit an meiner Diplomarbeit mit dem Thema „aussteigen“ und habe deine Geschichte auf Ausstiegspunkt aufmerksam gelesen. Ich würde mich rießig freuen wenn du dich bei mir meldest und mich bei meiner Arbeit unterstützt.

    Ich kann dir dann gerne alles weitere erzählen. Vielen lieben Dank!

    Herzliche Grüße und einen schönen Tag!
    Jennifer Taube

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